Frisch von der Light & Building 2026 ging es für mich am Wochenende in den hohen Norden, in die Nähe von Bochold an die Niederländische Grenze. Schon seit geraumer Zeit hatte ich Kontakt zu einer guten Freundin der Familie, die zusammen mit Ihrem Mann ein Haus saniert hat. Seit gut 4 Jahren wohnen sie dort, und nichts funktioniert so, wie es soll.
Zur Vorgeschichte:
Die Freunde besuchten uns schon mehrere Male in unseren Haus und konnten erleben, wie angenehm ein Smart Home funktioniert. Man beschloss bei der Sanierung eines alten Bestandsgebäudes auch die Elektrik so neu zu errichten, das KNX hier den Alltag smarter und angenehmer macht. Ein Bekannter der Familie, der Klimatechniker ist, sollte hier tätig werden und das umsetzen. Was danach folgte, kann man sich in Ungefähr vorstellen. Letzten Herbst sagte mir dann meine Frau, das ich mal mit Ihrer Freundin sprechen solle, da was am Haus nicht funktioniert. Schon damals bei der Planung hab ich angeboten, mal über das Projekt zu schauen, was leider nicht stattfand. So erhielt ich im Herbst letztes Jahr endlich "Unterlagen" und ein ETS Projekt, über das ich dann mal drüber schaute.
Nach sehr kurzer Zeit (ca. 22 Sekunden) wusste ich schon gleich, wo der Schuh drückt. Im weiteren Gesprächsverlauf mit unserer Freundin erörterte sie mir, was alles nicht funktioniert und was man sich wünsche. Ich habe Ihr versichert, das ich das in aller Ruhe studiere und eine Lösung finde, das ganze doch zu einem guten Ergebnis zu führen.
So machte ich mich dann auch an die Arbeit und schaute mir erst einmal in der ETS an, was alles nach der Planung eingebaut wurde. Mir wurde schnell klar, das hier ein Grundlegendes Defizit in Sachen Fachkenntnis sowohl in der Planung als auch Umsetzung vorliegt.
Auch wurde mir aus den Unterlagen schnell ersichtlich, das man hier wohl nicht recht wusste, wo die Fahrt hingeht und wie man das umsetzt. Zumal man immer wie im Buch von Stefan Heinle "Heimautomation mit KNX, DALI, 1-Wire & Co" den Faktor FRAU nicht unberücksichtigt lassen sollte!
Ich verlinke an dieser Stelle Bild und Webadresse des besagten Buch's, unserer Bibel für's Smart Home, weil's sehr lesenswert ist und eine gute Planungsgrundlage ist.
Im Buch wird der Faktor "Frau" genannt, der ja etwas schmunzeln lässt. Doch sag ich mal, das der Lebenspartner hier nicht zu unterschätzen ist. Man möchte einfach keinen Streit haben, wenn man gemeinsam etwas baut. Es ist eine große Investition, wenn nicht sogar die größte Investition, die man in seinem Leben tätigt. Da sollte schon alles funktionieren.
Das Mediale - "Versprechen"
Mich stört aktuell und überhaupt das Mediale. SMARTHOME. Wer mich kennt weiß, das ich den Ausdruck überhaupt nicht mag. Der Ausdruck Smart Home ist so schön durch Medien und Industrie geprägt. Ja, toll, smart, alles ist smart. Sogar die Klobrille ist smart, direkt nach der Kaffeemaschine die nicht funktioniert und der Saugroboter, der von der Gallerie auf den Tisch darunter fällt.
Ich kann mit solchen reisserischen Artikeln nichts anfangen. Ich habe mich vor über 20 Jahren (!) dazu entschieden, ein Haus mit Gebäudesteuerung / Gebäudeleittechnik zu bauen. Damals noch EIB, heute KNX. Der Entschluss war, das ich mit dem Haus wachsen wollte, und das Haus mit mir. Ich sah schon früh, das eine zentrale Steuerung hier den Energieverbrauch senken kann und ich im Alter nicht aufgeschmissen bin, sollte ich mal nicht mehr so gut zu Fuß im Haus sein.
Damals schon ein Vorreiter integrierte ich viele Lösungen und stieß stets auf Unverständnis und musste mich sogar veräpplen lassen "weil man es besser wusste" und ich ein Spinner sei.
Mit der Zeit merkte ich, das sich dann viele Firmen dem Thema annahmen und auch skurile Dinge als Smart anboten. Wir kennen es von den großen Herstellern wie Samsung, Ikea, Somfy (Endgegner), Amazon, Google, und wie sie alle heißen. Fazit hier: Zum Schluss funktioniert gar nichts und man sieht vor lauter Bäumen den Wald nicht. Inkompatiblität auf ganzer Linie.
Und schnell steigt man als Consumer auf das Thema ein, findet die "smarte Kaffeemaschine" oder den Thermomix mit Internetzugang so smart und toll....und das Wesentliche bleibt auf der Strecke....mich ärgert das.
Verständnis des Smart Home - KNX
Bei der ersten Bestandsaufnahme merkte ich wie gesagt gleich, das hier was von Anfang an nicht stimmt.
Die Freundin erklärte mir, das sie das Haus gerne mit dem Handy steuern möchte und auch im Flur ein Touchscreen an der Wand montiert ist, jedoch weder eine Handyapp vorhanden ist, noch die Steuerung über den Touchscreen funktioniert.
Nach Sichtung der Projektdatei fiel mir gleich auf, das das Haus nur über eine Linie verfügt, und hier die Linie an einem TP Backbone betrieben wird. Sämtliche Geräte sind von MDT und fast alle Aktoren sind in einem zentralen Schaltschrank im Erdgeschoss / Flur eingebaut. Doch fragte ich mich, wo ist denn der Heizungsaktor...oder Aktoren...?
Nach etlichen Whatsapp Nachrichten (ich hasse so was), wurde mir schnell klar, das die Heizungsaktoren in der ETS nicht vorhanden waren, wohl im Haus verbaut sind, jedoch nicht parametrisiert sind (obwohl das in den Tastsensoren so sein sollte) und in den Heizkreisverteilern stecken, die abseits der Hauptverteilung liegt. Das ist ja alles gut und schön, und ich würde das auch so dezentral direkt am Heizkreisverteiler machen...jedoch laufen die seit 4 Jahren im NOTBETRIEB(!).
Keine Dokumentation der Heizkreise...keine Beschriftung....keine Doku.... MAHLZEIT....
Bei der weiteren Bestandsaufnahme musste ich feststellen, das man wohl überall schaltbare Steckdosen gemacht hat, was ja an und für sich nicht schlecht ist, jedoch hier mit Sperren sich ins Nirwana schoss....die nichts sperren.
Dann wurden Schalthandlungen vom Aussenbereich auf einen Schaltaktor gelegt der auch im Haus schaltet. Sollwertverstellung nicht verbunden, keine Regelung in den Aktoren eingestellt. Naja....
Physikalische Adressen
Immer rein damit, getreu dem Motto lass ma rein plumpsen. Das macht natürlich bei der Sichtung des Projekts unglaublich Arbeit...von Rechtschreibfehlern ganz zu schweigen oder gar Kanäle, die nicht benannt wurden. Das frustriert.
Auch wurden Geräte berechnet und nicht eingebaut, was man dann sieht, wenn man die Geräte mal in Betrieb nehmen will. Wie zum Beispiel die USB Busschnittstelle, die in der ETS zwar auftaucht und vor Ort nicht vorhanden ist.
Auch sonst nur Chaos bei den Physikalischen Adressen und bei 44 Geräten plus Visuserver und zusätzlicher Visu (mit zusätzlich eingebauten Server) sowie nicht eingebauten Tastern ist das schon sehr sportlich eine Busspannungsversorgung von 960mA einzubauen, die das ganze Haus bedienen soll.
Mal abgesehen von der Leitungslänge, die ich nicht kenne, macht das bei so einem alten Bauernhof keine gute Figur. Die Linie wird laut ETS mit 760mA momentan betrieben, dann wird's aber schon eng, wenn weitere Geräte eingebaut werden sollen, oder die Spannungsversorgung mal in die Knie geht.
Aber das war noch nicht alles. Zusätzlich hat der gute Mann die Türklingel an den unverdrosselten Ausgang der Busspannung angeschlossen. . . . ne, oder?
Der Faktor Laie vs. Nachplanung
Ich komme hier nicht auf den "Installateur" mehr zu sprechen, weil mich das Ganze etwas "ankotzt" sondern eher auf die Familie, die sich hier ein Smarthome wünscht und man hier nicht klar kommuniziert, was wichtig ist und was unwichtig.
Wir kennen es alle: Die Wunschliste ist lang, ich möchte dies, ich möchte das....aber das Grundlegende soll ordentlich ausgeführt werden. Hier hätte der Planer vorausschauender planen sollen und auch die Bauherren auf gewisse Dinge vorbereiten sollen.
Zuerst ist es ja ne tolle Sache, alle Bus Kabel zentral in den Schrank zu führen, wenn man sie auch ordentlich beschriftet und die Doku der ETS zusätzlich benutzt. Fotos sind auch hilfreich...
Dann sollte man die Größe des Objekt's und eventuelle Änderungen immer einplanen. Das beginnt mit der Planung des Standorts des Schaltschranks und der Reserve im Schrank. Schnell kommen noch ein paar Dinge hinzu, und dann sieht das Ganze aus wie reingepresst. Klemmleisten und Beschriftung direkt in den Schranktüren vereinfachen den Wartungsaufwand.
Grundlegend sollte man bei einer solchen Größe eine kleine Unterverteilung im Obergeschoss und darüber liegenden Dachgeschoss vorsehen. Das kann hinter einem Spiegel geschehen oder in einer Ankleide...je nachdem. Platz ist meist immer und die paar Euro mehr machen die Wartung und Fehlersuche sehr einfach.
Bei so einem Haus sollte man sich auch klar sein, das irgendwann auf der Linie auch mal Schluss ist. Hier eindeutig: Obergeschoss, Dachgeschoss und Aussenbereich gehören in eine eigene Linie. Grade der Aussenbereich, was das Thema Blitzschutz / Kurzschluss angeht.
Und auch hier sollte ein eigener Sicherungsautomat eingesetzt werden, keinesfalls alles da reinquetschen weil es schnell gehen muss.
Auch sollte man hier direkt auf IP Router setzen. Die Zeiten der Linienkoppler ist grade im Eigenheim vorbei. In Objektgebäuden mag das vielleicht noch so sein, doch grade ist hier das Thema DSGVO im Raum, was ich hier nicht anspreche.
Grundlegend hätte der Planer und Errichter ordentlich beraten sollen. Fachkenntnis in den einzusetzenden Geräten sollte vorhanden sein. Als Bauherr sollte man von seinen Wünschen zuerst abschweifen und den Wunsch manifestieren, das das System ausbaufähig sein sollte und ordentlich geplant ist.
Zur grundsätzlichen Planung sind auf der Website viele Beispiele, die ich immer wieder erneuere.
Wo geht die Reise hin?
Erst einmal hab ich dort einen GIRA S1 und einen IP Router installiert, natürlich mit eigener Zusatzspannung von Phoenix Contact (weil so schön platzsparend) und auch mal gleich die vorhandene Busspannungsversorgung durchprogrammiert. So sehe ich grundsätzlich den Stromverbrauch, die Buslast (wenn die ETS nicht angeschlossen ist) und kann auch mit den Geräten die Telegramme einsehen.
Da ich dort nicht immer Vor Ort sein kann, hab mit mithilfe der Firma Gira und meinen Freunden dort eine Firma in der Nähe ausfindig gemacht, die im Anschluss tätig wird, und eine sehr lange Liste abarbeiten muss. Gottseidank. Die Liste mach ich mal hier rein, damit man mal sieht, was das für ein Aufwand ist, den Mist von manchen Pfuscher auszubaden, was natürlich das Ansehen von KNX beschädigt.
Umbaumaßnahmen
- ETS aufräumen
- Unnötige Gruppenadressen entfernen
- Zentraladressen ordentlich aufbauen in Berücksichtigung auf Personen und Zustände des Hauses
- Ordentliche Doku
- Vorerst 2 Linien etablieren als IP, später weitere Aussenlinie hinzu
- Physikalische Adressen vorher sortieren, das Geräte von Linie 1.1 zu Linie 1.2 einfach verschoben werden können.
Grundaufbau
- Backbone IP
- 2 KNX IP Router, EG 1.1.1 OG 1.2.1.
- Struktur vorerst in die Vergabe von IP Adressen bringen, sprich DHCP Server des Routers neu einstellen
- IP Router feste IP zuweisen und segmentieren
- IP Router später auf ein eigenes Netzwerksegment legen
Grundlegend
- Grundlegend Aktorik ordentlich parametrisieren und auch hier auf Gleichmässigkeit achten
- Sensorik (Tastsensoren) entsprechend in erster Ebene mit den Grundfunktionen des Raumes programmieren
- Von Oben nach unten Denken: Licht, Schalthandlung, Rolladen
- Zweite Ebene Temperatur und Sonderfunktion
- Langen Tastendruck zur Auslösung Szene / Sequenz benutzen und es hier nicht übertreiben
- Haus AN / AUS
- Brandfall berücksichtigen / Rolladen hoch / Licht an im Fluchtbereich
Wie es weitergeht...Fazit
Wir sind mit der Familie sehr gut seit über 15 Jahren befreundet. Ich werde hier ausnahmsweise kein Geld dafür verlangen, ausser für die eingesetzten Geräte und das Projekt für den anschließenden Fachbetrieb ordentlich vorbereiten. Mit Doku und allem obendrauf.
Da ich hier grade noch einen älteren Homeserver 3 von Gira rumstehen hab, der von mir als Spielekiste ab und zueingesetzt wurde, hab ich beschlossen, den kostenlos einzubauen und eine ordentliche Visu darauf einzusetzen.
Der Homeserver mag zwar alt sein, aber ist er immer noch ne richtige Kraftmaschine mit wenig Verbrauch und zuverlässig wie das Amen in der Kirche. Auch die Fernwartung ist für mich ein Klacks.
Ich hab der Freundin gesagt, das ich zuerst die Spielereien aussen vor lasse. Sie ist momentan mit der ersten Kind schwanger und da soll alles zuverlässig funktionieren. Jedoch werden wir später wichtige Dinge in Angriff nehmen.
Die Sicherheit hat bei mir IMMER Vorrang. Deshalb werden mit der Zeit dann Kameras eingesetzt und auf der Visu dargestellt. Ebenso sollen die alte PV Anlage als auch die Wärmepumpe überwacht werden.
Natürlich kann ich es mir nicht verkneifen, dann mal ein paar kleine nützliche Spielereien einzubauen, wie zum Beispiel Logik für den Hund, oder eine "Komme-Nach-Hause" Sequenz, die zu verschiedenen Tageszeiten verschieden abläuft unter Berücksichtigung das da auch ein Kleinkind im Haus ist.
Klar mag jeder von Euch sagen: Warum nicht gleich einen Home-Assistant? Ich geb ehrlich zu, das ich das schon so einsetzen wollte...jedoch hatte ich das Teil hier noch übrig, und als Geschenk für das neugeborene Kind denke ich, kann man nichts Besseres schenken.... Der Home Assistant ist sehr gut, und ich setze ihn selbst ein, aber die Bedienung erschließt sich dem Laien nicht direkt...und ich habe hier kein Bock auf schlechte Laune.
....da war noch was...? Wetterstation / ZSU
Da war doch noch was....
Genau...die Wetterstation. Das WICHTIGSTE für mich im Haus ist die Wetterstation. Da führt kein Weg vorbei. Warum? Wenn man sich die Kosten betrachtet, mag die Wetterstation Luxus sein...die geht klar vor dem Saugroboter und der smarten Kaffeemaschine.
Doch hier ist genau der Punkt, wo die professionelle Beratung beginnt, wie sie zum Beispiel Andrea Heinle, ich oder weitere Kollegen anbieten.
Eine gute KNX Wetterstation ist schon für um die 500 Euro und darunter zu haben. Sie sollte jedoch wenn's geht direkt GPS an Board haben und über diverse Beschattungssteuerungen verfügen. Warum GPS?
In einigen Artikeln habe ich schon darauf verwiesen, das ich hier mit einer KNX Wetterstation mit GPS die exakte Zeit über das GPS Signal bekomme...mit Datum. Die Zeit benötige ich auf dem KNX BUS und ist keine Spielerei, da die Telegramme die zwischen Sensor und Aktor durch den Bus fliegen auch die Zeit mitsenden.
Ausserdem hilft der Windsensor die Markiese / Rolladen bei Sturm hochzufahren. Der Regensensor schützt das Fenster bei Platzregen / oder gar das bei geöffneten Fenster im Haus alles nass wird.
Der Sonnensensor hilft mir sowohl bei der Beschattung und verschafft mir blendfreies Licht bei entsprechender Programmierung. Auch ist er hilfreich für die PV Anlage.
Und zu guter Letzt ist da der Temperatursensor, der den Heizaktoren zuspielt, um so eine bedarfsgerechte, energieeffiziente und kostenniedrige Heizung zu gewährleisten.
Beratung
Lassen Sie Sich beraten. Schauen Sie Sich um. Ich sehe es momentan mit Skepsis, wenn viele Leute auf den Zug aufspringen. Energieberater zum Beispiel bieten Beratung auch im Smart Home Bereich an...haben aber von der Materie keine Ahnung. Das klingt hochgestochen und arrogant...ist aber so.
Im Zweifelsfall können Sie Sich an Hersteller wenden und dort erfragen, ob Sie einen Kundenberater vor Ort haben. Auch das KNX User-Forum ist interessant. Ebenso Kanäle bei Youtube von Flotomation oder Thorben Ledermann.
Auch das Buch von Stefan Heinle ist sehr lesenswert und bei knapp 50 Euro bekommt man sehr viel Fachwissen...in unkomplizierter Sprache.
Vor allem: Lassen Sie Sich nicht blenden vom Putzroboter und der Kaffeemaschine...was so alles smart ist.
Das war's für heut' und wir sehen uns...
Bis dahin und viel Spaß
Markus
