Vor kurzen hatte ich eine Chaos Baustelle. Eine Freundin der Familie rief mich an und klagte Ihr Leid, das im Smart-Home nichts so funktioniert, wie sie es möchte.
Ich hatte in einem vorigen Artikel "Smart-Home-Frust" darüber berichtet, das ein Klimatechniker hier die KNX Installation ausführte und dies mehr Schlecht als Recht umgesetzt hatte.
Ich hab mir dann die Projektdatei angefragt, und nachdem diese mir zugesandt wurde schaute ich mir die Struktur an, die der Installateur angelegt hatte. Sehr schnell konnte ich die Schritte der Planung nachvollziehen und merkte schnell, woran es gehakt hat. Zu kompliziertes Denken und keinen konsequenten Ansatz, etwas richtig zu planen. Struktur...Fehlanzeige.
Am Meisten ärgerte mich die Auswahl der Produkte. Beispielsweise hat der Installateur einen Visu-Server verbaut (ohne ihn zu programmieren) und zusätzlich dazu ein weiteres Bedientableau / TouchPC, welches ebenfalls über eine eigene Visualisierung verfügt. Ich nenne den Namen des Herstellers hier nicht, da die Produkte zwar sehr gut sind, jedoch in dem Fall mit den Forderungen des Auftraggebers nicht konform sind.
Weiterhin wurden "teure" Glastaster überall verbaut, sogar vor den jeweiligen Räumen in den Fluren. An vielen Fenstern befinden sich ebenfalls Glastaster und in einer Schleuse zum Garten hat man dann mehrere LED Tableaus übereinander gestapelt an der Wand platziert.
Bei der Platzierung der Raumtemperaturregler sind hier im Erdgeschoss grobe Fehler unterlaufen. Im Eingangsbereich zum Beispiel ist der RTR an der Aussenwand. Der nachfolgende Flur sowie die angrenzende Ankleide sind komplett ohne RTR / Temperaturfühler. Flur und Ankleide haben getrennte Heizkreise, doch die Ankleide hat keinen Temperaturregler. In der Ankleide ist ein Präsenzmelder, jedoch keine Möglichkeit der Sperre diesen über einen Wandschalter / Tastsensor. Der Präsenzmelder hat keine Temperatur und / oder Luftfeuchte. Die Steckdosen sind schaltbar, doch wünschenswert wäre hier die Schaltung von Küchentresen, Router und weiteren Geräten wie TV und Waschmaschine. Und auch hier hat man "wild" bestellt, anstatt genau in die Produktbeschreibungen der Hersteller zu schauen. Ich vermisse bei den schaltbaren Aktoren für Steckdosen und Licht beispielsweise Rückmeldewerte von Leistung und Laufzeit um so beispielsweise bei einer Waschmaschine den Status zu verfolgen, wenn diese keinen Netzwerkanschluss hat.
Sowohl bei der Belegung der Tastsensoren, der Grundkonfiguration als auch bei den Gruppenadressen hat man gemerkt, das hier die Übersicht total verloren ging.
Dann hat man für jede Schaltaktion eine Sperre angelegt. Sogar für die LED Leuchten der jeweiligen Tasten der Tastsensoren.
Zu guter Letzt hat man sich in den Gruppenadressen ohne Sinn und Sachverstand ausgetobt, das ich sage und schreibe 780 leere Gruppenadressen hatte, die ich überall kontrollieren musste, denn die hätten ja irgendwo in irgendeinen nicht beschrifteten Aktor verknüpft sein können.
Baudoku....Fehlanzeige.
Ergo: Chaos
Der Faktor "Frau" / Bedienfreundlichkeit
Der Faktor Frau ist ein nicht zu unterschätzender, in der Gebäudeautomation. Da gibt es auch nichts zu Lachen. Ich hatte gestern noch mit meiner Tochter das Thema dieses Hauses am Esstisch durchgesprochen und Sie gefragt, was Ihr am Haus wichtig wäre. Und genau die Schalthandlungen und Abläufe, die hier im Chaos Projekt gefehlt haben, waren die Wünsche meiner Tochter....und die ist grade mal 14 Jahre alt.
Ich sag mir, hier muss der Dialog doch zuerst ansetzen. Wenn man so eine Installation plant, sollte man zuerst mal nachfragen, was die Bauherren möchten. Und dann sollte man aufgeschlossen sein, Produkte kennen und auch mal über den Tellerrand hinausblicken können. Das ist ja grade das, was KNX ausmacht.
Fachfremde Berater ...Energieberater und Co.
In dem Fall war ein Kältetechniker derjenige, der die Geräte anbot und konfigurierte. Ich hab schnell gemerkt, wie wenig er sich mit den Anforderungen auseinander gesetzt hat. Wünsche nach einfacher Bedienung wurden ignoriert. Schalthandlungen mit der Brechstange umgesetzt...oder auch nicht. Die Liste ist lang.
Abgesehen von dieser Schlechtleistung hatte ich die Tage das Gespräch mit einem Energieberater, der für mich Anträge und Ausschreibungen für Ladeinfrastruktur in meinen Häusern umsetzen soll. Schnell wurde mir klar, das er davon wenig oder keine Ahnung hat. Doch jeder möchte heute auf den "Smart-Home-Zug" aufspringen. Auch die Industrie, die einem allesmögliche erzählt.
Beispielsweise preist die Firma Viessman mit ViCare ihr Produkt an, das über die Heizungsinstallateure verkauft werden soll. Doch spricht man diese auf das Thema und auch auf die Integration an, ist. meist Schulterzucken an der Tagesordnung.
Darüber hinaus kommen noch Protokolle wie SPS, LON, CAN, BACNET und MODBUS zur Sprache, die kein Heizungsbauer oder Klimatechniker gehört hat, und hier keinen Support geben kann....geschweige vom Support des jeweiligen Herstellers wo wirklich "Fachkräfte" arbeiten...
....Ironie off...
Architekten
Auch bei Architekten sehe ich hier enormen Bedarf. Es sollte heutzutage vorgeschrieben sein, das jeder Architekt alle 2 oder 4 Jahre sich in Fachbeiträgen zu informieren hat, was der Stand in der Gebäudeautomation ist.
Ich sehe es immer wieder, das auf eine Automation verzichtet wird, weil der Goldhahn im Badezimmer oder die extravagante Küche wichtiger ist, als zum Beispiel das Energiemanagement eines Gebäudes. Sprich: Die Prioritäten sind falsch gesetzt. Wenn ich mir dann zum Beispiel anschaue, was die EU in Punkto Gebäudesteuerung vorhat und hier auch die EU-Gebäuderichtlinie 2024/1275 EPBD näher betrachte ist es für mich ersichtlich, das die Gebäudeautomation immer tiefer Einzug hält.
Um hier Interoperabilität zu vermeiden sollte man hier definieren, wie Schnittstellen zwischen Bus Systemen anzulegen sind. In der KNX Welt gibt es hier die meisten Gateways aber auch Softwarelösungen, die das Leisten. Jedoch von Herstellern vermisse ich schmerzlichst die entsprechenden Schnittstellen, Informationen und Dokumentationen.
Ein Architekt sollte hier auch seine Produkte in der Technik kennen und direkt einen Fachplaner, gar einen Systemintegrator zu Rate ziehen. Hier bin ich eindeutig dafür, das bei Baukosten über 100.000 Euro direkt ein Fachplaner hinzu zu ziehen ist.
Zuhören und sich in den Kunden hinein versetzen
Generell wünsche ich mir, das man auch mal sagt: "Ich weiss das nicht, aber ich informiere mich". Darüber hinaus sollte man sich in den Kunden hineinversetzen können. Was braucht er? Wie sieht seine Tagesroutine aus?
Beispielsweise in dem Fall, der angesprochen wurde, handelt es sich bei dem Projekt um ein ländliches Haus. Die Frau arbeitet in einer Abrechnungsfirma und hat einen Pferdestall direkt hinter dem Haus. Der Mann arbeitet als Landmaschinentechniker im Verkauf, hat sein Büro im Haus und ist Jäger Beide erwarten ihr erstes Kind. Auf dem Dach des angrenzenden Hof's ist eine große PV Anlage. Das Haus selbst verfügt über eine Wärmepumpe.
Meine ersten Fragen sind dann, wie der Tagesablauf sich gestaltet. Gibt es Unregemässigkeiten. Worauf legen die Bewohner wert. Wie kann ich das Haus und die KNX Installation so lenken, das ein maximaler Komfort auch im Alter gewährleistet ist. Wie flexibel sollte das ganze sein?
Auch hier sollte man den Kunden darauf hinweisen, welche Produkte wie zusammenspielen und wie man das ganze automatisiert.
In dem Fall sollte man zuerst definieren, wie das Haus betreten und verlassen wird. Sind dann Personen noch im Haus; wie verhält sich dann die Automation in dem Fall? Soll das Haus bei längerer Abwesenheit mit der Heizung in Frostschutz gehen. Wie schaut es mit der Beschattung aus? Wie soll die Klingel sich verhalten, wenn das Kind schläft? Was soll passieren, wenn die Eltern je von der Arbeit kommen? Sind zum Beispiel Szenen und Sequenzen erwünscht, wenn der Mann von der Jagd kommt, oder die Frau kurz zum Pferd in den Stall geht / eine Rufumleitung direkt in den Stall gelegt wird?
In den wenigsten Fällen wird hierauf geachtet.
Wichtige Dinge im Smart Home
Wie schon eben bemerkt, machen sich sowohl die Berater als auch Architekten keine Gedanken, was wichtig im Smart Home ist. Die Tastsensoren müssen am Besten aus Gold sein, und gleich 3-4 Stück übereinander um Jalousien einzeln zu steuern. Diese Horrorszenarien kennen wir nur zu gut.
In dem Fall hat der Planer / Installateur sowohl einen Visu-Server als auch ein TouchPC mit eigener Visualisierung vom gleichen Hersteller verkauft. Gute 3000 Euro in die Tonne getreten....nicht schön. Jedoch wurde zum Beispiel bei der Planung nur eine Linie berücksichtigt und diese mit einer zu großen Busspannungsversorgung ausgestattet. Auf einen IP Router wurde komplett verzichtet.
Ich würde heutzutage nicht mehr eine IP Schnittstelle einsetzen sondern gleich zum IP-Router greifen. In dem Fall wurde dieser eingesetzt und bald wird die Linie im Obergeschoss durch eine eigene Linie / eigenen IP Router von der ersten Linie getrennt.
Ebenso hat das Haus einen Gira S1 bekommen, um einen sicheren Zugriff von Aussen zu ermöglichen; sei es via PC zur Fernwartung oder mittels Handy zum Bedienen.
Wichtiger ist jedoch der Ansatz : WETTERSTATION
Es wurde keine Wetterstation eingeplant, obwohl diese Kosten weitaus niedriger sind, als in jedem Zimmer mehrere Tastsensoren zu haben....und keine Bewegungsmelder wie zum Beispiel den Fluren.
Die verbauten Heizungsaktoren zum Beispiel sind auf die Aussentemperatur angewiesen, um die exakten Stellwerte zu berechnen und so auch entsprechend die Ventile zu öffnen oder zu schließen.
Ebenfalls erübrigt sich dann die händische Beschattung, was bei einem größeren Haus natürlich Zeit und Mühe spart. Mein Fazit: Eine Wetterstation ist unverzichtbar und sollte gleich eingeplant werden.
Gesamtfazit
Ich wünsche mir, das sowohl Architekten, Planer und Energieberater sich weiterbilden und schulen. Es kann nicht sein, das da Hardware für zigtausend Euro verbaut wird, jedoch nicht fachgerecht installiert und programmiert wird.
Ich bin der Meinung, das ab einer gewissen Größe ein Systemintegrator hinzugezogen werden sollte. Und auch hier bin ich der Meinung, das das nicht irgendjemand sein sollte, der sich das irgendwie selbst beibringt, sondern genauso zertifiziert ist, wie jegliche Fachplaner.
Bei der KNX.org kann sich jeder die ETS Software zwar kaufen, aber ich bin der Meinung, das diese in der großen Version nur an zertifizierte Fachleute herausgegeben sollte. Ebenso sollten diese nach 2 Jahren erneut kurz geprüft werden, wobei diese Prüfung entfallen könnte, wenn derjenige Projekte vorweisen kann, die 1A funktionieren.
Das würde den Zertifizierungsprozess, wie wir Ihn von der Hard und Software kennen, um viele Punkte ergänzen und sichern.
Mein Rat
Spricht bei den Projekten stets den Fachplaner, Elektrofachkraft oder Energieberater auf Referenzen an. Äussert Eure Wünsche und konkretisiert diese nach Eurem Tagesablauf und Stimmungen. Wenn ich zum Beispiel viel zu Hause arbeite und auch Telearbeit / Homeoffice habe, möchte ich beispielsweise ein sehr gutes Licht haben. Jeder Fachplaner oder Systemintegrator wird dann auf entsprechende Produkte aufmerksam machen und in dem Fall auch gleich auf eine ordentliche Lichtplanung hinweisen. Auch eine Recherche bei der KNX.ORG kann sehr hilfreich sein, um einen geeigneten Planer / Systemintegrator zu finden.